„Ein Großteil der Preissteigerung steht erst noch bevor“

neue energie: Die Frage, ob Deutschland einen sofortigen Import-Stopp für russisches Gas verkünden sollte, polarisiert stark. Viele Klimaschützer sind dafür. Was sagen Sie?

Andreas Löschel: Über das Erdgas-Embargo muss seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine nachgedacht werden – entweder weil wir kein Gas mehr abnehmen oder weil uns der Gashahn zugedreht wird. Meine Einschätzung geht dahin, dass das sehr schmerzhaft wäre, sich aber mit guter politischer Flankierung durchaus umsetzen ließe. Die Bundesregierung hat in den letzten Wochen dafür etliche Schritte unternommen. Bislang zielten die Maßnahmen sehr stark auf die Angebotsseite. Es wurde betrachtet, wie russisches Gas ersetzt werden kann. Das betrifft alle Optionen, also aus welchen anderen Ländern mehr Pipeline-Gas oder mehr LNG bezogen werden kann und wie man die in Deutschland vorhandenen Gasspeicher vollbekommt. Wenn wir mit Blick auf den nächsten Winter aber nicht erpressbar sein wollen, dann müssen wir auch die Nachfrage senken. Das ist jetzt die Herausforderung.

ne: Was schlagen Sie vor?

Löschel: Vor dem Ukraine-Krieg waren die Energiepreise bereits stark gestiegen, jetzt sind sie hoch und könnten noch steigen. Im Grunde brauchen wir diese hohen Preise, damit die Nachfrage nach Erdgas marktgetrieben sinkt. Aber die Politik beschäftigt sich vor allem damit, wie die Preissignale vermindert werden können – nicht nur innerhalb Deutschlands, mittels Spritpreisbremse oder Kompensationen für Unternehmen. Die Diskussion findet auch auf europäischer Ebene statt. Es soll im Notfall eine Entkopplung des Strompreises vom Gaspreis geben. Spanien und Portugal haben das bereits vollzogen. Das sind alles Maßnahmen, die den aktuellen Marktanreizen entgegenwirken. Es kann jetzt nicht darum gehen, die Energiepreise zu deckeln. Vielmehr sollten die hohen Preise dazu führen, dass Einsparanreize wirken können. Was der Staat machen sollte, ist, bei allzu großen Belastungen zu unterstützen, insbesondere ärmere Haushalte und besonders betroffene Unternehmen. Da gilt es, mehr zu tun.

ne: Die EU-Energiebehörde ACER wie auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft haben ebenfalls davor gewarnt, die Marktregeln in der EU zu verändern …

Löschel: Durch den Krieg in der Ukraine kommt enormer Druck auf Prozesse, die die Politik ja ohnehin in Angriff nehmen wollte. Dazu gehört zum Beispiel auch die Anpassung des Strommarktdesigns. Das sollte in den nächsten beiden Jahren erfolgen. Jetzt wird das Thema aufgrund der aktuellen Situation nach vorn gezogen. Wie gesagt, Spanien und Portugal waren bereits aktiv. Allerdings überzeugen mich die Konzepte dort nicht. Wenn die Preisfindung zum Beispiel über Durchschnittskosten erfolgen soll, dann trägt das eben nicht dazu bei, die Nachfrage zu senken. Es hebelt auch die Mechanismen des europäischen Strommarkts aus, weil keine angemessene Bepreisung mehr möglich ist. Diese Markteingriffe mindern zudem die Anreize in Flexibilität zu investieren, nicht nur in immer noch benötigte Gaskraftwerke, sondern auch in Speicher und andere Flexibilitätsoptionen. So könnte nochmals ein großer Förderbedarf entstehen, den der Staat finanzieren muss. Und es mindert Anreize für erneuerbare Energien. Darüber hinaus ist der europäische Binnenmarkt zu beachten: Wenn in einem Land Preise gedeckelt werden und bei uns nicht, dann läuft ein Deckel unseren Einsparanstrengungen entgegen. Zerschlagen wir das Design aus der aktuellen Notlage, dann wird es kaum mehr reparierbar sein. Das kann nicht gewünscht sein.

ne: Steht das der Forderung entgegen, dass die Vorteile der preiswert produzierenden Erneuerbaren-Anlagen den Verbrauchern zugutekommen sollten? Bislang werden die Preise ja durch das letzte einspeisende Kraftwerk bestimmt, aktuell zumeist Gaskraftwerke.

Löschel: Auch bei Erneuerbaren-Anteilen von 80 Prozent im deutschen Strommix dürfte die Preissetzung noch sehr oft durch Gaskraftwerke erfolgen. Würde das jetzt aufgehoben, müssten wir wohl nicht nur die Gaskraftwerke irgendwie anders finanzieren. Auch für erneuerbare Energien müsste ein neues System geschaffen werden. Die Refinanzierung der Kapitalkosten ist ja viel unklarer. Es wäre aber zu begrüßen, wenn die Entwicklung eher in Richtung PPAs* gehen würde, um Unternehmen und Haushalte mit günstigem Erneuerbarem-Strom zu versorgen. Contracts for Difference* dürften mit dem marktlichen Strommarkt weniger gut zusammenpassen. Der Staat würde dann wieder über eine lange Zeit hinweg den preislichen Rahmen setzen. Denn in der Zukunft wollen wir natürlich gerne günstige Marktpreise sehen. Aktuell sind sie eher kontraproduktiv, glaube ich.

*Im Fall von Power Purchase Agreements (PPA) wird zwischen Stromproduzent und -abnehmer (Händler oder Verbraucher) ein Stromliefervertrag geschlossen, in dem sämtliche Konditionen (Vergütung, Laufzeit usw.) individuell ausgehandelt werden. Bei Contracts for Difference handelt es sich hingegen um ein Vergütungsmodell, bei dem zunächst ein Referenzpreis (über Ausschreibungen) festgelegt wird. Sinkt der an der Strombörse erzielbare Erlös unter diesen Wert, erhält der Anlagenbetreiber die Differenz über den Vertragspartner (EEG-Konto) erstattet. Liegt der Erlös darüber, führt der Anlagenbetreiber die Differenz an den Vertragspartner ab.

ne: Sie haben es bereits erwähnt, Wirtschaftsminister Robert Habeck sucht derzeit nach neuen Vertragspartnern für Energieimporte. Ist es überhaupt möglich, bei Öl und Gas an langfristigen Lieferverträgen vorbeizukommen? Um einigermaßen attraktive Konditionen zu erhalten, müssen Käufer doch immer jahrelange Bindungen eingehen.

Löschel: Zunächst muss festgehalten werden, dass wir bis 2045 klimaneutral sein wollen. Aktuelle Entscheidungen dürfen damit nicht im Konflikt stehen. Wenn sich also die Frage stellt, wie zum Beispiel mehr Flüssiggas nach Europa oder nach Deutschland gebracht werden kann, dann ist klar, es muss zusätzliche Infrastruktur geschaffen werden, um sich für die Zukunft abzusichern. Langfristig umfassend genutzt werden die LNG-Terminals wohl aber eher nicht. Die neue Infrastruktur sollte daher nicht überdimensioniert sein, sonst entstehen Pfadabhängigkeiten, mit der Gefahr, sich zu lang an das fossile System zu binden. Neben der Infrastruktur ist zudem die Vertragsseite zu beachten, die Sie zu Recht angesprochen haben. Kontrakte für fossile Energien sollten keine zu langen Laufzeiten haben, um die Transformation unseres Systems nicht zu erschweren. Das ist ein schwieriges Thema, denn bei Gas-Kontrakten setzen die Förderländer oft auf Langfristverträge. Es gibt aber durchaus auch kurzfristigere Laufzeiten, die sich dann in den Kontrakten stärker an der aktuellen Marktlage orientieren. Das Problem ist derzeit nur, dass wir bis zum nächsten Winter eine Lösung benötigen. Und bei den freien Kontrakten mit kurzer Laufzeit ist die konkurrierende Nachfrage jetzt sehr groß.

ne: Lässt sich das auflösen?

Löschel: Wir werden wohl nicht ganz um langfristige Verträge herumkommen, auch wenn die Unternehmen unter den politischen Rahmenbedingungen diese Risiken nicht eingehen wollen. Dann sollte aber besonders auf politische Risiken geschaut werden. Und es gilt, die Verhandlungsmacht gegen den Anbieter auszuspielen. Also, lieber im EU-Verbund günstige, kürzere Verträge verhandeln

als jetzt individuell schlechte Verträge einzugehen. Schwierig wäre aus meiner Sicht, wenn wir aus langfristigen Lieferverträgen mit Russland zu langfristigen Flüssiggas-Verträgen übergehen würden. Gas wird für etliche Jahre noch wichtig bleiben, aber es werden auch geringere Mengen gebraucht werden.

ne: Am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung wurde nachgerechnet, dass die Unabhängigkeit von Russland mit kurzfristigen Energieeinsparungen von 26 Prozent und einer Steigerung der Gasimporte aus den Niederlanden und Norwegen auf die Schnelle möglich wäre. Was halten Sie davon?

Löschel: Beim Import aus den Niederlanden bin ich skeptisch, die Gasförderung ist dort ein Politikum, weil sie wohl zu Erdbeben geführt hat. Aber richtig ist, es gibt Länder, die noch mehr liefern könnten. Grundsätzlich müsste in jedem Fall das europäische Gasnetz in den Blick genommen werden. Dabei geht es auch um die Beseitigung von Engpässen. Aber wir sehen ja gerade am Beispiel der geplanten LNG-Terminals, dass solche Themen auch kurzfristiger gelöst werden können.

ne: Dann stünde der Lösung also wenig entgegen?

Löschel: Ich denke, es geht mehr um die politische Machbarkeit. Norwegen hat wohl Kapazitäten. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Regierung dort mehr Gas nach Deutschland leiten kann und will. Auch Nordafrika hat Potenzial. Aber es gibt dort ebenfalls erhebliche politische Hürden.

ne: Sie hatten als wichtigen Ansatz das Energiesparen benannt. Lassen sich diese Potenziale schneller heben?

Löschel: In diesem Bereich geht es insbesondere um Einsparungen beim Wärmeverbrauch und in der Industrie. Tatsächlich wäre auch hier kurzfristig etwas zu heben. Aber wieder stellt sich die Frage, wie das rasch umgesetzt werden kann. Ich hatte ja die Bedeutung von hohen Preisen genannt, um entsprechende Anreize zu schaffen. Besonders weil hier die Möglichkeiten kleinteilig und heterogen sind. Die Preissignale kommen aber nur sehr versetzt bei den Endverbrauchern, den Haushalten und Unternehmen an. Sie haben ja zum Teil immer noch ältere Verträge mit ihren Energieversorgern, mit vergleichsweise günstigen Konditionen.

ne: Es gab aber schon Preisanhebungen…

Löschel: Ja, es gab Erhöhungen von 20 oder 30 Prozent beim Strom und bei Gas. Aber das ist nicht das Ende. Wir reden über mögliche 100 Prozent. Das heißt, ein Großteil der Preissteigerung steht erst noch bevor. Was es also bräuchte, ist, die Menschen auf die Dringlichkeit der Situation einzustimmen. Es muss verstanden werden, was es heißt, bis zur nächsten Heizperiode von russischem Gas abhängig zu sein, und dass es dann Knappheiten geben kann. Bislang sehe ich allerdings noch keine breit angelegten Energiesparaktionen.

ne: Minister Habeck hat Mitte Mai einen Arbeitsplan für eine Energiesparkampagne vorgelegt. Energiesparen ist auch Bestandteil des „REPowerEU“-Plans …

Löschel: Ja, aber in der kurzen Frist soll es nur Kampagnen geben und Aufrufe zu Verhaltensänderungen. Andere Maßnahmen kommen erst mit Verzögerung. Ich könnte mir gut vorstellen, kurzfristige Anreize mit einer finanziellen Entlastung zu koppeln. Neben Beratungskampagnen wäre es möglich, dass Haushalte zum Beispiel eine Prämie ausgezahlt bekommen, wenn sie Energie einsparen. Aber eben nur dann. Das Gleiche könnte für Unternehmen gelten: Wenn sie eine Idee entwickeln, wie sie Gas einsparen können, unterstützt der Staat diese Investition.

ne: Wie groß schätzen Sie das Sparpotenzial ein, bei der Industrie wie auch bei den Haushalten?

Löschel: Zunächst hieß es, dass die Einsparpotenziale in allen Bereichen sehr klein seien. Mittlerweile liegen aber Studien vor, die durchaus optimistischer sind. Bei Erdgas lag der Verbrauch im Jahr 2021 bei rund 900 Terawattstunden. Davon wurden etwa jeweils ein Drittel in der Industrie und in den Haushalten verbraucht. Über die Hälfte des Gases stammte aus Russland. Wir hatten angenommen, dass die Nachfrage um 30 Prozent sinkt. Mittlerweile denke ich, es wäre noch weniger nötig. Werden die Einsparmaßnahmen weiter forciert, könnte komplett auf russisches Gas verzichtet werden. Bereits jetzt sehen wir einen Nachfragerückgang von rund zehn Prozent.

ne: Heiß diskutiert wird gerade, wer bei Engpässen als Erster nicht mehr beliefert wird …

Löschel: Tatsächlich sieht die Abschaltverordnung für den Notfall vor, dass zuerst die Industrie nicht mehr beliefert wird, dann ist die Stromerzeugung an der Reihe, danach die Haushalte. Ökonomisch wäre es wünschenswert, dass die Reihenfolge genau andersherum wäre. Denn Abschaltungen in der Industrie sind volkswirtschaftlich sehr kostspielig. Und natürlich sollten Industriezweige mit besonders hoher Relevanz, bei denen Gas nicht ersetzt werden kann, als Letzte verzichten müssen. Es wäre demnach gut, wenn der Markt über hohe Preise Anreize für die übrigen Verbraucher im System schaffen würde, ihren Bedarf frühzeitig zu senken. Zudem haben wir ja in der Corona-Pandemie gelernt, wie bestimmte Bereiche der Industrie abgesichert werden können. Nach allen Rechnungen müsste beispielsweise die energieintensive Industrie nicht komplett runtergefahren werden, sondern sie müsste nur während einiger Monate die Produktion drosseln und die Beschäftigten in Kurzarbeit schicken. Eine Rezession dürfte dann kommen, aber viele Negativszenarien, die wir gehört haben, müssen nicht eintreten.

ne: Die Schätzungen zu einem möglichen Wirtschaftseinbruch gehen weit auseinander. Im März war noch von einem Minus von drei Prozent die Rede, zum Mai hin steigerte sich das dann bei manchen Experten auf zwölf Prozent. Wie kommt es zu diesen riesigen Spannen?

Löschel: Zunächst wurde von uns berechnet, was mit den Unternehmen geschieht, wenn Russland den Gashahn zudreht. Das sind die drei Prozent. Dann kommen noch Abschätzungen dazu, was passiert, wenn hohe Energiepreise bei den Verbrauchern zu einer sinkenden Nachfrage führen. Die gesamten Effekte könnten sich dann auf bis zu sechs Prozent summieren. Ich kenne nur eine Studie die ein ‚Worst Case‘ Szenario mit zwölf Prozent Verlusten ausgibt. Im Basisfall kommen aber auch da die gleichen Größenordnungen heraus. Die meisten Ökonomen rechnen damit, dass bis zu sechs Prozent weniger Wirtschaftswachstum am ehesten realistisch ist.

ne: Ist das auch Ihre Einschätzung?

Löschel: Ich gehörte der Forschergruppe an, die Anfang März mit drei Prozent als erste die Diskussion angeschoben hat. Danach gab es viele andere Untersuchungen, die sich eine Reihe weiterer Effekte angesehen haben. Und die allermeisten der Studien liegen zwischen drei und sechs Prozent. Ich sehe da einen Konsens. Es kann aber auch alles viel weniger schlimm kommen. Wir sehen ja, dass die Substitution und der LNG-Ausbau viel schneller laufen als anfangs gedacht.

ne: Neue Nachschubwege für fossile Rohstoffe wie die Flüssiggas-Terminals zu erschließen mag kurzfristig nötig sein. Derzeit wird aber auch überlegt, vor der deutschen Nordseeküste nach Öl zu bohren und womöglich sogar auf heimisches Fracking-Gas zurückzugreifen. Läuft das unter Klimaschutz- Aspekten nicht in eine vollkommen falsche Richtung?

Löschel: Die Ölförderung halte ich für den total falschen Weg. Wie schon gesagt, wir dürfen nicht in neue fossile Abhängigkeiten kommen. Gerade die Eigenförderung wäre sehr umweltbelastend und bringt noch dazu quantitativ wenig. Wir haben eben wenig Ressourcen bei Öl und Gas. Bei der Frage der Versorgungssicherheit muss es jetzt erst einmal um den kommenden Winter gehen. Für die dann folgende Heizperiode 2023/24 dürfte alles schon ganz anders aussehen. Bis dahin muss sehr viel mehr beim Erneuerbaren-Ausbau und der Gebäudesanierung geschehen sein.

Dies ist eine gekürzte Fassung. Das vollständige Interview lesen Sie in Ausgabe 6/2022 von neue energie.


Andreas Löschel

ist Professor für Umwelt-, Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum. Zudem ist er Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ der Bundesregierung und seit 2017 gewähltes Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Im April wurde er mit dem Deutschen Wirtschaftspreis der Joachim-Herz-Stiftung 2022 ausgezeichnet. Der Preis ist mit 150.000 Euro der hierzulande höchstdotierte Forschungspreis der Wirtschaftswissenschaften.

Add a Comment